Digitales Pilotprojekt geht an den Start: Mehr Prozessgeschwindigkeit durch digitalen Rangierbetrieb

30.08.2021

Stell‘ dir vor, jede Lokomotive von Güterzügen hat eine Kamera als „zweites Auge“ und liefert hochauflösende Bilder, aus denen Rangierer*innen am Monitor erkennen können, ob alle Waggons, Druckluftschläuche oder Kupplungsteile intakt sind. Utopie oder Realität? Das Arbeitsgebiet eines Rangierers bzw. einer Rangiererin ist vielfältig und umfasst das Sichern von stillstehenden Fahrzeugen, , das Durchführen von Bremstests und das Kuppeln sowie Entkuppeln von Zügen. Diese Aufgaben lassen sich durch die Digitalisierung vereinfachen und erleichtern so die tägliche, auch körperlich schwere Arbeit.

Was bringt ein digitalisierter Rangierbetrieb?

Die Digitale Automatische Kupplung (DAK) steht im Zentrum eines Pilotprojekts, das in Kürze am Güterbahnhof-Stützpunkt München-Nord an den Start gehen soll und von der Bundesregierung in Kooperation mit der Deutschen Bahn gefördert wird. München-Nord soll zum ersten digitalen Güterbahnhof Deutschlands werden.

Eine umfassende Umsetzung eines digitalen Rangierbetriebs kann die Kapazität eines Rangierbahnhofs mit seinen Gleisfeldern wie in München-Nord um 40 Prozent steigern und damit einen wertvollen Beitrag leisten, mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu holen. Die Zielsetzung: Wenn die Prozessgeschwindigkeit erhöht wird, lassen sich mehr Züge im Rangierbahnhof abfertigen.

München als Standort für den Bereich Cargo fungiert übrigens im Gütersegment als wichtige Drehscheibe: Hier kreuzen sich die Ost-West-Magistrale von Paris nach Bratislava und der Korridor von Nord- und Ostsee über (und ab 2032 durch) den Brenner nach Südeuropa.

Welche Aufgaben kennzeichnen den Arbeitsalltag als Rangierer*in?

Rangierer*innen bei der Eisenbahn machen seit fast zwei Jahrhunderten einen anspruchsvollen Job mit hoher Verantwortung: Gekuppelt wird per Hand bei jedem Wetter. Das bedeutet aktuell auch, dass es noch zu lange dauert, um dem Güterzug Chancen im Wettbewerb mit dem Lkw zu eröffnen.

Nuri Eryilmaz, Rangierer bei DB Cargo, bückt sich und kriecht zwischen die Puffer zweier Güterwagen. Mit reichlich Kraft löst er die Druckluftschläuche und schraubt die 20 Kilo schweren Kupplungsteile auseinander. Pro Zug bis zu 50 Mal. „Pro Schicht ist das auf jeden Fall im dreistelligen Bereich“, sagt er. Es ist nicht nur ein körperlich harter Job. Eryilmaz ist zudem immer dem Wetter ausgesetzt: bei plus 30 oder minus 20 Grad, bei Schnee und Regen. Rangierer*innen wie er müssen außer dem Kuppeln und Entkuppeln den Zug mehrmals in ganzer Länge ablaufen, um ihn auf ordnungsgemäßen Zustand zu kontrollieren und die Bremsen zu prüfen. Das dauert. Wenn er alle Waggons getrennt hat, kommt die die Rangierlok am Zugende ins Rollen.

Wie sieht die Zukunft aus, wenn der erste digitale Rangierbahnhof entsteht?

Klar ist, Rangierer*innen wird es weiterhin geben. Nur die Arbeitsabläufe werden durch die digitalen Prozesse massiv erleichtert und beschleunigt. Eine Fokussierung wird durch eine eindeutige Abbildung eventueller Schwachstellen möglich.

In der Realität ist es dann so, dass die Waggons den Berg in Richtungsgleise hinunterrollen. Dort formieren sie sich mit anderen zu neuen Kombinationen und verschiedenen Zielen. Bereits ab Sommer 2021 werden sie noch vor der ersten Weiche eine Kamerabrücke passieren. Diese Kamerabrücke liefert hochauflösende Bilder, aus denen Rangierer*innen am Monitor erkennen können, ob die Waggons intakt sind. Mit anderen Worten, der/die Rangierer*in muss nicht mehr am Zug zur Überprüfung auf und ab laufen. Dies wird künftig, einschließlich des Erkennens von Schäden, die künstliche Intelligenz übernehmen. Digitalisiert werden auch die automatischen Bremsen im Gleis und die Weichen. Schließlich wird auch noch die vorgeschriebene Bremsprobe automatisiert. All das soll schrittweise bis 2023/24 Wirklichkeit werden. Das erleichtert nicht nur Rangierer*innen wie Nuri Eryilmaz die Arbeit, sondern bietet auch durchgehend Strom und einen Datenbus, also eine Datenübertragung, im ganzen Zug.

Nicht nur der Schienengüterverkehr nimmt Fahrt auf, wenn es um die Zukunft der Mobilität geht, sondern auch der öffentliche Nah- und Fernverkehr. Bus und Bahn sorgen dafür Motor der Mobilitätswende zu sein.

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